Leseprobe 2

Leseprobe aus dem Kapitel: Tiefgründe - Abgründe

Jedes Jahr dasselbe und kein Ende. Warum?

Marianne, 1954, im Bernbiet
Im Keller ein grosser Bottich mit Salzwasser. Darin eingelegt sind grosse Fleischstücke. Wildfleisch, wie Marianne erkennt. Sie kann, obwohl sie erst neun Jahre alt ist, die Färbung des Fleisches sehr wohl unterscheiden, an jeder „Metzgete“ muss sie mithelfen. Doch im Allgemeinen ist ihr das Fleisch zuwider. Denn obwohl sie jeden Tag hungrig vom Tisch aufsteht, ist sie froh, wenn Müeti ihr das kleinste Stück Fleisch, manchmal nur ein paar Kartoffeln in den Teller legt. Schon oft hat sie in der Küche Müeti beobachtet, wie sie unter dem fliessenden Wasser die Maden vom rohen Fleisch abgewaschen, bevor sie das Fleisch in Stücke geschnitten und in den Kochtopf geworfen hat. Marianne schüttelt sich. Allein der Gedanke daran ist ihr zuwider.

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Am nächsten Tag kommt Marianne von der Schule und geht wie gewohnt sofort zu Müeti in die Küche – Müeti will das so. Das Fleisch im Keller hat sie längst vergessen. Da packt Müeti Marianne am Arm und wirft sie zu Boden. „Du Sautotsch“, schreit sie, „Was glaubst du, wo du bist.“ Sie kniet auf das Kind, greift nach dem erstbesten Holzscheit und schlägt zu. Immer wieder, mitten in Mariannes Gesicht. Marianne schreit und wirft den Kopf hin und her. Die Schläge prasseln unablässig auf ihr Gesicht ein. Marianne hat fürchterliche Angst. Sie kann sich nicht wehren. Wie in einem Schraubstock ist sie zwischen den Beinen von Müeti eingeklemmt. Jetzt schlägt sie mich tot, durchfährt es Marianne. Sie versucht sich zu wehren, sich zu befreien, es gelingt ihr nicht.
Marianne schreit und schreit und die Pflegemutter schlägt. Auf den Kopf, auf die Ohren, über das Gesicht. Marianne spürt, wie es warm wird im Hals... dann verliert sie das Bewusstsein.
 
Marianne kommt wieder zu sich. Sie liegt im Gaden auf ihrem Bett. Vorsichtig fährt sie mit der Hand über das Gesicht, alles klebt, ihr Gesicht ist voller Blut. Die Hand tastet vorsichtig weiter über ihre Lippen. Sie sind aufgeplatzt und geschwollen. Marianne hat fürchterliche Schmerzen. Ihre Zähne wackeln, doch vor allem kann sie kaum aus den Augen schauen. Ein Augenlid lässt sich gar nicht öffnen, das andere nur einen Spalt breit.

Da sieht Marianne Müeti neben dem Strohsack stehen. Diese packt Marianne bei der Schulter, zieht sie hoch und zerrt sie nach draussen auf den Hofplatz zum Brunnen. Dort taucht Müeti Mariannes Kopf für einen Moment ins Wasser. Marianne lässt alles mit sich geschehen. Sie ist benommen vor Schmerzen. Das kalte Wasser kühlt ein bisschen.
Dann bringt Müeti Marianne zurück in den Gaden „Ich will dich nie mehr sehen“, schreit sie, bevor sie die Türe zuschlägt und von aussen abschliesst.
Den ganzen Tag bleibt Marianne auf dem Lager liegen. Auch am nächsten Tag, es ist Sonntag, steht Marianne nicht auf. Sie hat starke Kopfschmerzen und ist froh, dass sie nicht zur Arbeit gerufen wird. Sie wagt kaum mehr ihr Gesicht zu berühren. Es brennt immer noch wie Feuer. Die Haut ist aufgedunsen, an vielen Stellen geplatzt. Marianne blutet noch lange aus beiden Ohren und der Nase.

Erst am Sonntagabend erfährt Marianne, weshalb Müeti so wütend geworden war. Marianne soll im Dorf erzählt haben, dass Walter ein Reh geschossen habe. Marianne sagt kein Wort. Müeti hätte ihr nie geglaubt, und die Strafe hat sie ja bereits bekommen.
marianne 2Marianne versucht zu schlafen. Sie hat Durst, aber sie wagt nicht, um Wasser zu bitten. Hätte Müeti ihr welches gebracht? Doch vor allem schmerzen die aufgeplatzten Lippen noch so sehr, dass sie nicht wagt, sie zu öffnen. Bald fällt sie in einen unruhigen Schlaf. Doch nach kurzer Zeit erwacht sie wieder. Sie hat sich im Schlaf zur Seite, auf ihr verletztes Ohr gedreht. Der Schmerz ist unbeschreiblich. Sie weint. Tränen rollen über ihre verletzten Wangen. Sie lassen die Wunde brennen. Marianne versucht so ruhig wie möglich liegen zu bleiben, nur nicht bewegen! Sie hört, wie die Söhne vom Feld heimkommen und in den Stall gehen. Draussen scheint die Sonne, noch wenige Tage, dann wird das Gras auf den Feldern gemäht. Marianne friert beim Gedanke, wenn sie an die Hitze, diesen unsäglichen Durst und die Stiche von Müeti denkt. Jedes Jahr dasselbe und kein Ende. Warum nur?

Dann wird die ganze Familie, Jakob der Bauer, die beiden Söhne Walter und Karl sowie Marianne am Heuen sein. Auch Müeti wird dann mit der Heugabel auf dem Feld stehen, was selten vorkommt. Müeti hilft in der Regel nur im Hochsommer die Ernte einbringen, dann wenn wirklich jede Hand  gebraucht wird. Marianne erinnert sich an vergangenes Jahr. Es war heiss. Karl und Walter, aber auch Jakob gingen immer wieder zur Wasserflasche und tranken. Marianne blieb auf dem Feld und arbeitete weiter. Auch sie hatte Durst. Aber für sie gab es nichts. Jeder trinkt, wie er arbeitet, hiess es jeweils, wenn Marianne um ein bisschen Wasser bettelte. Marianne wusste, was das bedeutete. Am Morgen ein Glas Milch, am Mittag ein Glas Most und am Abend noch eine Tasse Tee. Das hatte zu genügen. Der Sommer wird ihr jedes Mal zur Qual.

Seit einiger Zeit leidet sie unter ständigem Schwindel. Manchmal sackt sie ohnmächtig zu Boden. Dann wird sie von einem der Söhne auf die Beine gestellt und zum Weiterarbeiten aufgefordert.
Damit Marianne unter Kontrolle bleibt, wurde sie letztes Jahr beim Heuwenden in ihre Mitte gestellt. Vorne Karl oder Walter, hinten Müeti. Sobald sich der Abstand zwischen Marianne und ihrem Vordermann vergrösserte, stach Müeti von hinten mit der Gabel zu, direkt ins Gesäss. Marianne heulte auf. Diese Stiche waren schlimmer als alle Prügel.
Doch vor allem quälte sie der Durst. Die Sonne brannte erbarmungslos und ihre Füsse vermöchten sie kaum mehr zu tragen. Marianne war erschöpft. Ihr wurde schlecht und sie weinte, und – Müeti stach...


Leseprobe 1

Leseprobe aus dem Kapitel: Vielleicht dürfen wir bald wieder nach Hause…

Der schwere Gang zur Gotte

Maria, Niederösterreich 1935
Mutter drückt Maria (8) und Anna (7) ein kleines Bündel in die Hand. Darin sind einige Kleider und etwas zu essen. Sie weint und kann kaum noch sprechen. Immer wieder küsst sie die Gesichter ihrer beiden Mädchen. Dann lässt sie sie ziehen. „Ihr kennt den Weg?“ Forschend schaut sie in die Augen ihrer Kinder. Die beiden Mädchen nicken. „Ja Mama, wir kennen ihn.“ Vor ihnen liegt ein gut dreistündiger Fussmarsch. Ihr Ziel ist der Hof von Marias Gotte. Sie ist eine entfernte Verwandte, die mit ihrem Mann und den beiden bald erwachsenen Kindern, einer Tochter und einem Sohn, ein Bauerngut betreibt.

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Vor einigen Wochen ist ein Mann vom Fürsorgeamt zur Mutter gekommen. Er hat erklärt, dass die Zustände hier unhaltbar seien und die Kinder fort müssten. Es gehe nicht an, erklärte er der weinenden Mutter, dass eine alte, kranke Frau auf zwei Kinder aufpassen müsse und die Mutter den ganzen Tag unterwegs sei.
Dass die Kinder die kranke Grossmutter pflegten und die Mutter die hohen Zinsforderungen dieser alten Frau abzuarbeiten hatte, wollte der Mann nicht hören. Er kenne die Umstände, mehr gebe es dazu nicht zu sagen. Mutter gab nicht auf. Ihre Mädchen durften nicht aus dem Haus.
Anderntags ging sie ins Dorf, aufs Gemeindeamt, und sprach beim Bürgermeister vor. Sie versuchte alles, die Kinder zu behalten. Sie ging von Büro zu Büro, sprach mit einflussreichen Leuten aus dem Dorf. Doch überall winkte man ab. „Es tut uns leid, die Umstände sind zu gravierend.“ Schliesslich erfuhr die junge Frau, dass sich ihre eigene Mutter beklagt hatte. Gegen solch schwer wiegende Vorwürfe aus erster Hand könne man nichts ausrichten, wurde ihr mitgeteilt.
Sie erfuhr, dass ihre alte, bettlägerige Mutter Besuch bekommen hatte und sich über das Schicksal ihrer Enkelkinder ausliess.
Als sie ihre Mutter zur Rede stellte, erklärte diese, dass sie gehofft hatte, so Druck auf den Vater ihrer beiden unehelichen Enkelkinder ausüben zu können, damit er endlich zum Zahlen bereit sei.
Aber es kam anders. Die Gemeinde ordnete an, dass die Kinder bei einem Bauern im Dorf untergebracht werden sollten. Die Mutter, aber auch die Kinder kannten diesen jähzornigen, unberechenbaren Menschen, der immer wieder Pflegekinder hielt. Und es war ein offenes Geheimnis, dass die Schützlinge bei dem wie Sklaven gehalten wurden. Nein, zu diesem Menschen würde sie ihre Kinder nie ziehen lassen.
Doch sie fand in der kurzen Zeit keinen anderen, vor allem keinen besseren Platz. In ihrer grossen Not schickte sie nun die Kinder auf den langen Marsch zur Gotte. Allein in der Hoffnung, dass diese ein Einsehen haben und die Kinder nicht wieder zurückschicken würden.
Maria und Anna ziehen los. Es ist Sonntagmorgen, die Sonne scheint. Doch je näher die Uhr Richtung Mittag rückt, um so heisser wird ihnen. Sie haben Durst, sind müde und haben vor allem schreckliche Angst vor der Ungewissheit ihrer Zukunft. Viele Male würden sie gerne wieder umkehren und zu Mutter zurückgehen. Doch tapfer marschieren sie weiter. Manchmal weinen sie, dann versuchen sie sich wieder gegenseitig zu trösten und Mut zu machen. Bei der Gotte haben wir es gut und wir werden unsere Mutter so oft besuchen, wie es nur geht.
Vielleicht können wir ja auch bald wieder nach Hause zurück.

Endlich sind sie da. Es ist Mittag und die Familie sitzt am Tisch und isst. Maria klopft an die Haustüre und trägt mit scheuer Stimme den Grund ihres Kommens vor. Die Gotte stemmt ihre Arme in die Hüften und murrt: „So, so, das will eure Mutter. Und uns hat sie nicht gefragt. Wir haben keinen Platz für euch und selbst genug Mühe, uns durchzubringen. Geht wieder nach Haus.“

Maria 2Sie will die Kinder wieder auf den langen Weg nach Hause schicken, ungerührt der Tränen und des Bettelns der beiden Mädchen. Da ertönt aus dem Hintergrund eine Stimme: Lass die Kinder doch erst mal eintreten und mitessen. Sie sind erschöpft und müde. Und dann überlegst du dir die Sache noch einmal.“

Gotte hat Gäste am Tisch und die haben die Not und die Tränen der Kinder mitbekommen. Schliesslich gibt die Gotte nach. „Dann bleibt eben , meinetwegen. Aber ihr müsst euren Unterhalt mit Arbeit mitverdienen.“
Maria und Anna nicken erleichtert. „Wir danken dir.“ stammeln sie mit Tränen in den Augen.
Nach dem Essen stellt die Tochter des Hauses Maria in die Küche, wo das Geschirr sich türmt. „Hier hast du Arbeit“, herrscht sie die Kleine an und geht wieder zu den Gästen.
Viel zu rasch wird das Abwaschwasser kalt und Maria bringt das Fett von den schweren, gusseisernen Pfannen kaum weg. Sie versucht mit allen Mitteln, die Pfannen sauber zu kriegen, mit dem Resultat, dass sie schliesslich verzweifelt und mit schwarzen Händen, schmierig von oben bis unten, aufgibt.

Zwar haben die Kinder von nun an genug zu essen – anfänglich mindestens – doch der Druck bleibt. Das Heimweh nach der Mutter und die täglichen Schikanen lasten schwer auf ihren Seelen. Maria und Anna sind froh, dass sie wenigstens zusammenbleiben können, und wenn sie abends, müde von der Arbeit auf dem Hof, zusammen ins Bett steigen, das die Gotte in die Kammer gestellt hat, wo bereits die Grossmutter und die Haustochter schlafen, dann halten sie sich ganz fest und geben sich Trost.