Unterwegs in den Schulen

flyer 1
Rudolf Moser, alias Silas, ist zusammen mit Lotty Wohlwend in den Schulen unterwegs. Sie erzählen seine Geschichte, vielleicht etwas sanfter und kindergerechter, als es an der Lesung in der Buchhandlung adhoc gewesen war.

Gedacht ist, dass die Lesung eine Mischung zwischen Erzählen und Vorlesen wird. Silas erzählt, Lotty Wohlwend erzählt dazwischen wieder Passagen aus dem Buch vor.

 

 

flyer 2
Es werden auch Bilder aus seiner Jugendzeit gezeigt. Die Kinder können immer und jederzeit Fragen stellen. Es wird jedoch nicht nur eine Lesung, die vielleicht den ein oder anderen berührt. Rudolf/Silas ist ein lustiger Kandidat, für die Jugendlichen spannend und sehr authentisch. Dennoch empfehlen wir die Lesungen in den Schulen nur für Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahen.

Silas on Tour

Infos zum Buch

Kontakt

Leseprobe 3

Kapitel 9

Die Fahrt nach Rosenberg

Wir sitzen im Auto. Die Fahrt ist lang, wir sind eher schweigsam. Die Herren Weber und Hoffmann, wechseln manchmal ein paar Worte. Matter, mein Vormund, sitzt neben mir auf dem Rücksitz. Auch er ist still, doch manchmal spüre ich seinen Blick. Mörder, denke ich. Alle miteinander. Ich schaue krampfhaft aus dem Fenster. Häuser und Strommasten fliegen vorbei. Ich nehme sie kaum wahr. Wie könnt ihr nur! Meine Gedanken wirbeln, mein Mund ist trocken, ich spüre, wie sich meine Hände verkrampfen. Ich habe Angst. Wir fahren nach Rosenberg. In die Arbeitserziehungsanstalt, mit der Zumstein mir immer gedroht hat. „Wer sich nicht benimmt, landet dort. Du Silas, wirst der erste sein.“

Noch im Auto zieht sich mein Magen zusammen, wenn ich an ihn denke. Er hat mir nicht einmal Adieu gesagt. Vielleicht ist es auch gut so. Wer weiss, vielleicht hätte ich ihm zum Abschied die Faust ins Gesicht geschlagen. Wer weiss!
2 Silas rot im Afrolook SWAls ich heute morgen das Klassenzimmer verlassen wollte, hat der Lehrer zu mir gesagt: „Melde dich unverzüglich auf der Direktion.“ Da standen sie. Matter, Hoffmann und Weber. Zuerst habe ich mich einen Moment lang gefreut. Gleich zu dritt sind sie da und gratulieren mir zum Geburtstag, dachte ich. Ich bin am Tag zuvor 17 Jahre alt geworden.

Dann fällt mein Blick auf den Koffer, der vor ihnen steht. Es ist meiner.

„Grüss Gott, Silas!“, Mein Vormund kommt freundlich auf mich zu, drückt mir die Hand. „Wir sind da, um dich abzuholen.“ „Wohin muss ich?“ Ich schaue Matter misstrauisch an. „ In den Rosenberg. Wir begleiteten dich. Du wirst es dort gut haben, Silas, ganz bestimmt. Du wirst eine Lehre als Koch machen, ganz so, wie du es dir immer vorgestellt hast.“ Die Lehre in einem Heim machen! Wer sagte denn, dass ich das will? Wer denn? Viel lieber würde ich nach Hause zu Müeti gehen. „Sie ist zu alt“, hat Weber vom Waisenamt gesagt. „Müeti kann dir kein Heim mehr bieten.“
Ich schaue die Gesichter der drei Männer an. Sie sind freundlich. Trotzdem, ihr Entscheid ist unwiderruflich. Meine Hände zittern. „Komm“, sagt Weber. „Nimm deinen Koffer. Es ist alles eingepackt. Wir können gehen.“

Wir sind wir schon seit einer Stunde unterwegs. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Ich will es auch nicht wissen. Nur eines weiss ich, ich bin raus aus dem Kastanienhof. Endlich, nach drei unendlich langen Jahren. Vorbei die Folter, die Angst während der Nächte. Doch was steht mir bevor?

Der Rosenberg ist Knast. „Nur schwere Jungs werden dort versenkt, hat Stefan immer gesagt. Stefan muss es ja wissen, sein Bruder war da.

Die Fahrt dauert ewig, denke ich. Das Auto biegt in eine Parklücke vor einem kleinen Landgasthof. „Mittagessen“, ruft Weber. Ich steige aus, eisern schweigend gehe ich hinter den Männer zu meiner „Henkersmahlzeit“. Ich werde keinen Bissen runterbringen, das weiss ich jetzt schon. „Hau ab.“ Nur eine Sekunde blitzt dieser Gedanke auf, ich lasse ihn sofort fallen. Wohin denn, ich habe ja niemand.

„Leg den Koffer auf den Tisch. Und komm mit.“ Der Ton ist streng und lässt keine Widerrede zu. Buchmann geht zum Schrank und öffnet ihn. Blaue Unterwäsche liegt darin versorgt. Anstaltswäsche. Jetzt bist du im Knast. Jetzt bist du ganz unten. Ich beobachte, wie er eine Unterhose und ein Unterleibchen hervorholt. „Zieh dich aus!“ Ich gehorche, und lege meine Kleider auf den grossen Tisch. „Alles!“
Ich ziehe die Unterhose aus. Ich friere. Buchmann nimmt meine Wäsche und lässt sie in einem Plastiksack verschwinden. „Die brauchst du nicht mehr! „Komm!“ Ich folge ihm über den gekachelten Boden. Jede Metzgerei hat mehr Wärme, denke ich. Er zeigt auf eine Dusche. „Da, geh hinein und wasch dich.“

Buchmann setzt sich auf einen Stuhl, direkt vor die Dusche. Er schaut mir zu. Ich zögere.
„Los! Wasch dich!“ brüllt er.
„Es hat keinen Vorhang!“
„Wozu?“
Ich drehe das Wasser auf. Eiskalt knallt es auf meinen Körper. Ich möchte schreien. Warum bin ich hier? Ich spüre Buchmanns Blicke und drehe mich zur Wand. Was für ein Nichts. Was für ein schreckliches Nichts bin ich doch!

 

Silas in der Öffentlichkeit

14.2.2014 Wiler ZeitungIn die falsche Familie hineingeboren
Die Rickenbacher Autorin Lotty Wohlwend las aus ihrem Buch «Silas». Es ist die Geschichte von Rudolf Moser.
Lotty Wohlwends Buch «Silas» erzählt die wahre Geschichte eines Zigeunerjungen. Hin und her geschoben zwischen Elternhaus und Heimen erlebte er viel Gewalt und Diskriminierung.

Wiler Zeitung vom 14. Februar 2014

 

 

infowilplus 22014Ausgrenzung prägt lebenslänglich
Die schier unglaubliche Geschichte eines Zigeunerjungen: Eindrücklich geschildert durch die Autorin und den Betroffenen in der adhoc-Buchhandlung in Wil.
Der Titel des Buches „Silas – gejagt, geschunden, gedemütigt“ versprach, was der Abend hielt. Nachempfunden werden konnte ein Kapitel Sozialgeschichte, die Geschichte eines Zigeunerjungen aus unserer Region.

infowilplus.ch vom 13. Februar 2014

 

 

 

Silas bei Aeschbacher 9.2008

Bei Kurt Aeschbacher zu Gast
Am 11. September 2008 begrüsste Kurt Aeschbacher in seiner Sendung "Silas". So heisst jener Mann, über den das Buch mit dem gleichen Namen erschienen ist.

Aeschbacher, Sendung vom 11. September 2008

Wiedergutmachungsinitiative

2010 MAR Profbild Shianaq Silas 10 klein

 

 

Wiedergutmachung. Für die Opfer. Für die Schweiz.

Er war bei Kurt Aeschbacher schon im Schweizer Fernsehen zu Gast, Bundesrätin Somaruga ist beeindruckt über seine Geschichte. Als Bundesrätin Widmer-Schlumpf sich im Namen des Bundesrates vor den "Administrativ versorgten" entschuldigte, war er einer der wenigen geladenen Gäste – Silas, alias Rudolf Moser, heute in Wil lebend, ist Zigeuner und war jahrelang ein Heimkind.

Infos zur Wiedergutmachungsinitiative

 

 

 

 

 

 

 

Volksinitiative Bern  31.3.14

Lancierung der Wiedergutmachungsinitiative

"Silas" posiert mit ehemaligen Verdingkinder und Opfer fürsorglicher Massnahmen am 31. März 2014 vor dem Bundeshaus in Bern. Die Opfer verdienen nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch eine Entschädigung.

31.3.2014 vor dem Bundeshaus in Bern

Medienkonferenz

 

 

Leseprobe 1

Kapitel 1

Juschka verschwindet

Ein Schuss kracht. Kurz und trocken. Das Echo rollt durch den Wald. Dann ist es still. Ich wundere mich. Ein Schuss um diese Zeit? Um halb acht Uhr am Morgen? Die Sonne blinzelt durch die Baumwipfel und lässt die hellgrünen Frühlingsblätter frisch aufleuchten. Noch ist es kühl im Schatten der Bäume.
Nur Minuten zuvor habe ich meinen roten Kleinbus auf dem Parkplatz beim Waldrand abgestellt, wo bereits drei weitere Autos stehen. Ich kenne die Wagen, und auch die Menschen, denen sie gehören, vom Sehen her. So wie man Menschen eben kennt, die jeden Morgen zur selben Zeit mit ihren Hunden spazieren gehen. Man grüsst sich freundlich, bleibt manchmal stehen, wechselt ein paar Worte und geht weiter. Eine fast verschworene Gesellschaft.
Die Leute kennen mich, weil ich jeden Morgen da meinen roten Bus parkiere, die Hunde Juschka und Eschek frei lasse, und mit ihnen im Wald verschwinde.
Das Langmoos ist das Naherholungszentrum der kleinen Stadt Stachen. Ein Waldstück, in dem es von Hundefreunden, von Velofahrer, Joggern und Spaziergängern nur so wimmelt.

AUG04 Schwedenreise8 swUnd nun dieser Schuss! Ich schaue mich beunruhigt im Wald um. Velofahrer überholen mich, grüssen freundlich, doch ich höre sie nicht mehr. Ich pfeife Eschek zurück, der auf dem schmalen Weg zum Bach vorausgeeilt ist. Nur Minuten zuvor ist Juschka, meine Hündin, hier zwischen den Büschen in den Wald hineingesprungen. Sie ist Januk, dem kleinen Hundebaby gefolgt, das erst seit ein paar Tagen bei uns in den Ferien ist. Januk ist Juschkas Sohn. Als der Kleine vorhin spielerisch in den Wald gerannt ist, folgte ihm Juschka, dem Mutterinstinkt gehorchend, sofort. Ich habe sie gewähren lassen. Ich kenne Juschka. Sie ist eine zuverlässige, gute Hündin. Meine wichtigste Begleiterin seit vielen Jahren. Ich vertraue ihr, so wie Juschka mir vertraut.
Ich starre in den Wald. Man sieht weit herum. Das hellgrüne Laub ist Anfangs Mai noch nicht sehr dicht. Wo Juschka bleibt? Sie müsste doch längst wieder da sein! Da! Ein paar Meter weiter vorn taucht Januk am Waldrand auf. Er heult und rennt zum Bus. Ich rufe ihn. „Januk! Januk, komm!“ Ich pfeife. Januk gehorcht nicht, er verkriecht sich hinter dem Bus.
Beim Parkplatz bleiben ein paar Leute stehen. Sie haben den Schuss auch gehört und sind beunruhigt. Ich renne zum Parkplatz und öffne die Heckklappe. Ich weiss, wenn Juschka zurückkommt, dann hierher. Ich nehme Januk und Eschek an die Leine und renne in den Wald.
Ein Mann ruft mir zu: „Der Schuss ist da oben abgegeben worden.“ Ich renne los. Zuerst bleibe ich auf der Strasse, dann verlasse ich den Weg und schlage mich quer durch die Büsche. Der Schuss krachte da oben, hat der Mann gerufen. Ich schaue den Hang hinauf. Nichts zu sehen. Ich renne weiter. Die Zweige peitschen in mein Gesicht. Ich kümmere mich nicht darum. Meine Augen suchen das Gehölz ab. "Juschka!" Nichts! Ich rufe, immer wieder; doch mein Ruf verhallt im Wald. Mir wird klar, der Schuss galt vielleicht Juschka, viel eher aber galt der Schuss mir! Mir, Silas, dem Zigeuner!
Jetzt endlich scheint Eschek eine Fährte aufgenommen zu haben. Ich folge ihm, meine Müdigkeit fällt von mir ab. Die Angst um meinen Hund treibt mich an. Ich muss ihn finden. Weiter, weiter. Irgendwo da oben muss Juschka sein. Ich folge Eschek und ziehe mit aller Kraft den winselnden Januk hinter mir her. Er sperrt sich heftig.
„Es war da oben“, höre ich eine weibliche Stimme rufen. Unten, auf der Waldstrasse, winkt mir eine Frau. „Da, rechts, auf der Anhöhe.“ Ich nicke und renne weiter. Der Hang wird steiler. Mein Herz hämmert, der Kopf dröhnt. Die Angst um Juschka nimmt von Sekunde zu Sekunde zu. Immer wieder verfangen sich meine Füsse im Gestrüpp. Ich stolpere weiter, schaue den Hang hinauf.
Hinter mir haben Leute die Suche aufgenommen. „Juschka!“, hallt es durch den Wald. Tränen schiessen mir in die Augen.
Jetzt biegt Eschek in einen kleinen, schmalen Pfad ein, ein Wildpfad, wo Rehe wechseln.. Ich folge ihm, die Angst treibt mich an, obwohl ich bereits erschöpft bin und der Kopf vor Schmerzen zu platzen droht. Eschek hält einen Moment inne, ich bleibe schwer atmend stehen und habe plötzlich Mühe, Januk zu halten, der mit aller Kraft seine kleinen Beine in den Boden stemmt und sich weigert weiter zu laufen. Er will umdrehen. Er heult und dreht sich im Kreis.
„Da muss etwas passiert sein.“
Ich drehe mich um. Die Frau von vorhin steht hinter mir und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie atmet schwer. Ihre Wangen sind rot. „Gehen wir da hinauf. Da oben ist der Wald zu Ende“, fordert sie mich auf. Gemeinsam steigen wir weiter. Eschek zieht mit aller Macht an der Leine. Er hat Juschkas Fährte aufgenommen, denke ich hoffnungsvoll und lasse mich von ihm führen.
Da gibt Eschek Laut. Ich drehe den Kopf und sehe ein paar hundert Meter weiter vorn im Gebüsch etwas Dunkles liegen. Rasch hin. Ein Jäger! Der Mann richtet sich auf und grüsst uns. Ja, er habe einen weissen Hund etwas weiter vorne den Weg hinauf springen sehen, bestätigt er, und mit einem Blick auf Januk an der Leine, „Und den kleinen Schwarzweissen da auch.“
„Haben Sie geschossen?“ Ich kann meine Erregung kaum beherrschen. Der Jäger wird wütend. „Was denken Sie denn? Um diese Jahreszeit?!" "Da“, hält er mir den Gewehrlauf vor die Nase. „Der Lauf ist kalt!“ Etwas versöhnlicher lenkt er ein. „Ich liege hier schon eine geraume Weile im Holz und beobachte das Wild. Doch gesehen habe ich kein einziges Tier, keinen Hasen, kein Reh. Nichts.“
Er könne sich nicht vorstellen, wer geschossen haben könnte. Auch er habe natürlich den Schuss gehört, aber gesehen habe er niemand.Der Jäger zeigt in den Wald. Man sieht weit, die Knospen der Büsche beginnen erst zu treiben, das wenige Grün der Bäume vermag die Sicht noch nicht zu behindern.
Der Jäger gibt mir bereitwillig seine Telefonnummer und nennt seinen Namen: "Ich heisse Gallo.“ Er sei gern bereit, seine Aussage schriftlich zu bestätigen. Ich werde etwas ruhiger und renne weiter. Ich muss Juschka finden. Koste es, was es wolle.